777 Träume
Buch der Träume
Meine lieben Leser,
heute will ich Ihnen ein dickes Buch vorstellen, nämlich das "Buch der Träume" des deutsch-jüdischen Kulturgeschichtlers Ignaz Ježower aus dem Jahr 1928. Der Verfasser stellt 777 Träume aus allen Zeiten und von den unterschiedlichsten Personen vor und kommentiert sie ausführlich. Für den Traumliebhaber stellt diese Sammlung mit ihrer reichen Fülle einen seltenen Glücksfall dar. Schon bei flüchtigem Durchblättern wird deutlich, wie stark sich die meisten Träume von denen aus moderner Zeit unterscheiden. Gerade bei der Vielfalt der vorgestellten Zeiten und Kulturen wird klar, wie sehr Träume an die Kultur und Zeit des sie Träumenden gebunden sind.
Fein säuberlich hat Ježower jeden Traum mit einer Nummer am Rand versehen. Das ist besonders wichtig, weil er im zweiten Teil seines etwa 730 Seiten starken Werkes zu jedem Traum nützliche Erläuterungen bringt, die man mit Hilfe der Nummer bequem nachschlagen kann. Hier erfährt man nicht nur, was den Traum am Vortage verursacht haben könnte, sondern auch wichtige biographische Notizen über die Träumenden und was sie gerade bewegt hat, sowie kurze Informationen über im Traum vorkommende andere historische Personen, etwa Freunde des Träumenden. Die enorme Belesenheit Ježower wird in diesem dicken Kommentarteil besonders augenfällig.
Als guter Jude beginnt er mit den Träumen aus dem Buch Genesis von Jakob und Josef (Genesis 28, 37, 40 und 41) sowie Nebukadnezars Traum aus dem Buch Daniel 4. Beim Durchlesen wurde mir deutlich, wie sehr diese biblischen Träume von starken, eindeutig schamanischen Symbolen durchsetzt sind. Als Jakob auf einem Stein in der Wüste schlief, träumte er von einer Leiter, die bis in den Himmel ragte - ein typisch schamanisches Symbol, das übrigens auch in der germanischen Mythologie und europäischen Märchenmotiven auftaucht. Die archaische Kraft der biblischen Traumsprache ist jedenfalls eindrucksvoll.
Es folgen ein paar kurze Träume aus dem alten Ägypten, Assyrien, Babylonien, Medien und Persien, von Sehern und Königen, darunter so bekannte Namen wie Cyrus und Xerxes. Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit Träumen aus dem antiken Griechenland und Rom. Dort kommen zwar etliche Träume berühmter Personen wie Sokrates, Sophokles, Aristoteles, Alkibiades, Alexander dem Großen, Hannibal, Cäsar, Cicero, Caligula und Nero vor, leider aber wenige Träume aus dem Bereich des griechischen Gesundheitswesens. Wie vielleicht, liebe Leser, einigen von Ihnen bekannt ist, war die antike Medizin in Griechenland ganz und gar auf das orakelhafte Schauen von Träumen ausgelegt. Wenn man sich physisch oder mental krank fühlte, ging man in einen der zahlreichen Tempel, opferte, suchte Entspannung und Ruhe, und legte sich dann dort zur Nacht nieder, um von der Gottheit einen Traum für die eigene Heilung zu erhalten. Die griechische Medizin baute damit - etwa im Gegensatz zur chinesischen - ganz auf die Selbstheilungskräfte im Menschen, was auch der demokratischen Stadtstaatkultur entsprach. Von dieser Tradition des Heiltraums erfährt man bei Ježower leider nur am Rande - etwa bei Galens Träumen - dabei hätten mich einige originale Heilträume aus jener Zeit schon sehr interessiert.
Was allerdings in Ježowers Buch zur Genüge vorkommt, sind prophetische Träume, von denen ich allerdings oft nicht weiß, wie zuverlässig diese überliefert sind. Oft werden sie nur von Dritten einer bekannten historischen Person zugeschrieben, und dabei geht es dann oft um die nahende Ermordung oder irgendeine verlorene Schlacht, die der Traum vorausgewusst hat. Manche dieser Träume sind interessant, oft jedoch werden auch Sensationshascherei und Wichtigtuerei den berichtenden Gewährsleuten die Feder geführt haben.
Im Buch der Träume folgen drei Kapitel mit Träumen aus dem frühen Christentum - von Marias Mann Joseph, von Kaiser Konstantin, dem Gründer der christlichen Staatsreligion, von Päpsten und Heiligen (Träume 82-98); aus China - darunter der berühmte Schmetterlingstraum des Lao-Tse; und aus der Hoch-Zeit der islamischen Kultur - Mohammed, so erfährt man, legte auf Träume großen Wert und pflegte jeden Morgen seine Schüler nach ihren Träumen zu befragen.
Die Träume 140-161 wurden im Mittelalter und der Reformationszeit geträumt, darunter Träume von Jan Hus, Dürer, Martin und Katharina Luther. Dürer malte seinen Alptraum von den vom Himmel fallenden Wassern übrigens, um ihn zu bewältigen - dies und eine ausführliche Beschreibung der Zeitstimmungen findet man alles in den Kommentaren.
Im folgenden Kapitel "Träume der Denker" tauchen Träume der Philosophen Descartes, Kant, Johann Christoph Lichtenberg, Maimonides, und vor allem des philosophischen "Geistersehers" Emanuel Swedenborg auf. Diese letztgenannten, und die Deutung, die Swedenborg ihnen gab, sind schon sehr interessant. Würde ich schwedisch sprechen, würde ich mir vielleicht das Buch mit den gesammelten Träumen Swedenborgs besorgen und hier besprechen, das 1859 von G. E. Klemming herausgegeben wurde, allerdings nur in schwedischer Sprache. Solche Details erfährt man bei Ježower zuhauf, was für einen Traumbuchsammler wie mich natürlich ein großes Geschenk ist. Nun, vielleicht werde ich demnächst für Sie, teure Leserinnen und Leser, einen Volkshochschulkurs in Schwedisch belegen und mir das Buch von der hübschen Lehrerin mündlich übersetzen lassen - nach dem Unterricht bei ihr zu Hause natürlich. Sie kennen sie natürlich nicht, aber ich fand diese Schwedisch-Lehrerin schon immer faszinierend. (Hi, Vilja!)
Träume aus den Salons der französischen und deutschen Aufklärung sowie von Goethe oder ihm nahestehenden Personen (196-258) enthalten die nächsten beiden Kapitel. Wieder tauchen illustre Namen auf - die Brüder Humboldt, Bettina Brentano, Rachel Varnhagen, Eckermann und Goethe selber. Auch in den nächsten drei Kapiteln über die Träume deutscher Dichter in und nach der Romantik (259-347) trifft man reichlich auf bekannte Namen, und kann dazu einiges von dem gebildeten Parleur Ježower erfahren.
Träume von ausländischen Dichtern wie H.C. Andersen, Dickens, Robert Louis Stevenson, Balzac, Baudelaire, Dostojewski samt Gattin, Tolstoi und Strindberg findet man im nächsten Kapitel, gefolgt von Träumen von Malern (Spitzweg, Gauguin) und Komponisten (Beethoven, Chopin, Robert und Clara Schumann, Brahms, Wagner).
Träume zeitgenössischer Dichter (also Genossen aus Ježowers Zeit) und von Schriftstellern aus dem Ersten Weltkrieg bringen die nächsten beiden Kapitel (Träume 424-542), gefolgt von "Träume der Gelehrten" (543-613), wo neben viel Nobel-Prominenz auch Schopenhauer, Nietzsche und Freud auftauchen.
Über "Intellektuelle Leistungen im Traum", "Zeitdauer im Traum" und "Experimentell erregte Traumbilder" erfährt man Interessantes in den nächsten drei Kapiteln (Träume 614-648), und ein Sonderkapitel beschäftigt sich mit "Okkulten Fähigkeiten im Traum" (Träume 664-721). Hier findet man jede Menge Material aus hellseherischen, telepathischen und prophetischen Träumen, um seine materialistische Weltsicht zu erschüttern, wenn man das wünscht.
Ein weiteres Sonderkapitel beschäftigt sich mit "Verbrechen und Traum", wobei die Träume einer Giftmörderin in der Untersuchungshaft - sie vergiftete ihren brutalen Mann - besonders bewegend sind. Nach acht Träumen blinder Personen wird noch vorgestellt, "was man als Kind träumte" (sehr interessant), und zum Abschluss fünf "Träume der Tiere", in denen historische Spekulationen über mögliche Trauminhalte von Hunden, Katzen, Schweinen und Pferden festgehalten sind, von Aristoteles bis Brehm.
Leider ist über Ignaz Ježowers Leben nur sehr wenig herauszubekommen. Aus einigen flüchtigen Notizen in anderen Büchern und Hinweisen von antiquarischen Buchhändlern konnte ich immerhin erfahren, dass Ježower am 17. Juni 1878 geboren ist - allerdings nicht, wo - dass er 1935 in Berlin-Wilmersdorf lebte und mit Geistesgrößen wie Alfred Döblin (dem er das Buch der Träume widmete), Walter Benjamin und Rudolf Leonhard befreundet war, und dass er und seine Frau Erna im Krieg von der SS verschleppt wurden und verschollen sind (also wahrscheinlich deportiert und umgebracht wurden). Diesen Hinweis verdanke ich einer Widmung von Heinrich Zille, dem Berliner Milieu-Autor, an "seine Freunde Ignaz und Erna Ježower" in einem seiner späten Bücher von 1947. Ježower scheint also ein ganz normales Schicksal für einen deutschen Juden jener Zeit erlebt zu haben und ein relativ unauffälliges Leben geführt zu haben.
Eng befreundet war Ježower offenbar auch mit Wieland Herzfelde und George Grosz, deren Buch "Träume - Tragigrotesken der Nacht" ich hier schon vorgestellt habe. Grosz illustrierte für Ježower einige Bücher, genau wie er das für Herzfelde getan hatte. Und Wieland Herzfeldes bewegende Träume nehmen in Ježowers Werk einen besonderen Platz ein. Mag sein, dass er durch das 1920 erschienene Buch seines Freundes Herzfelde überhaupt zu dieser Sammlung von Träumen aus allen Zeiten inspiriert wurde.
Ježower hat kaum Eigenes verfasst, sondern fast immer nur kulturgeschichtlich Interessantes gesammelt und veröffentlicht. So findet man unter seinen Werken "Die Befreiung der Menschheit - Freiheitsideen in Vergangenheit und Gegenwart", "Die Rutschbahn - Das Buch vom Abenteuer" (über berühmte Schwindler und Abenteurer), "Briefe an die Jugend" aus den verschiedensten Epochen, eine Abhandlung über "Casanova", ein Werk über Venedig in einer Buchreihe über "Städte und Länder in der Dichtung", sowie einen Beitrag über "Bühnenkunst" in den Sozialistischen Monatsheften von 1932.
Das "Buch der Träume" kann ich als sorgfältig edierte Fundgrube für Traumbegeisterte jedenfalls nur empfehlen. Wie in einer Zeitmaschine kann man darin durch die Epochen segeln und überall Inspiration für eigene Träume empfangen. Nebenbei erhält man tausenderlei anregende Information über die verschiedensten historischen Begebenheiten, Personen und Kulturen, alles gesammelt von kundiger Hand und hervorragend ordentlich ediert von Ignaz Ježower. Allein wegen der säuberlich klein am Blattrand gedruckten Nummerierung der Träume, die unaufhaltsam auf 777 zuschreitet und dann im zweiten Teil bei den Kommentaren wieder bei 1 beginnt, liebe ich dieses Buch.
Es erschien wie eingangs erwähnt 1928, und zwar im Rowohlt Verlag, eine schöne Ausgabe in festem blauen Leineneinband mit schlichter Deckel- und Randvergoldung. Für diese Erstausgabe muss man heute leider um die siebzig Euro hinblättern, will man ein einigermaßen gut erhaltenes Exemplar erwerben. Es gibt allerdings auch eine ordentliche Faksimile-Ausgabe von 1985, die im Ullstein Verlag als Materialien-Taschenbuch erschienen ist und noch häufig zu günstigem Preis im antiquarischen Buchhandel zu finden ist, etwa auf der Internet-Seite des Zentralen Verzeichnisses antiquarischer Bücher.
Nun, teure und geschätzte Leserinnen und Leser, ist es wieder Zeit für mich, Abschied von Ihnen zu nehmen. Vielleicht habe ich Ihnen ja etwas Anregung geben und eine kleine Freude mit meinen bescheidenen Rezensionen einiger meiner "kostbaren Raritäten" machen können. Falls Sie mir dazu Ihre Meinung schreiben möchten, sind Sie herzlich eingeladen, das zu tun. Allen, die mir bisher geschrieben haben, danke ich für ihre immer freundliche und konstruktive Kritik.
Eine Frage war, ob es denn nicht auch seltene Bücher von Frauen über Träume gebe. Nun, an dieser Stelle sei verraten, dass ich mich mit dem Gedanken trage, zum Abschluss noch zwei Rezensionen über zwei wunderschöne, sehr rare und von ehrwürdigem Alter beseelte Traumbücher zu schreiben, die diesmal ausschließlich von Frauen verfasst wurden. Das eine stammt von Charlotte Beradt und beschäftigt sich mit Träumen aus der Nazi-Zeit: "Das Dritte Reich des Traums " ist eine Sammlung von Träumen einfacher Menschen im Deutschland jener Zeit, welche die Autorin nach ihrer Emigration zusammentrug. Das zweite Buch ist eine echte Rarität und so selten, dass ich es bisher nur einmal kurz in den Händen halten konnte: "Im Schlaf bin ich wacher" heißt es, und es sind die nächtlichen Aufzeichnungen jener Rachel Levin Varnhagen, die auch in Ježowers Buch erwähnt wurde. Rachel Varnhagen war eine hochinteressante und sehr kluge Frau, Gastgeberin eines Salons im Berlin des frühen neunzehnten Jahrhunderts, in dem sich die kulturelle Avantgarde jener Zeit traf. Falls irgendeiner meiner tief geschätzten Leserinnen und teuren Leser etwas über den Verbleib dieses Manuskriptes weiß, das ich vor vielen Jahren einst in den Händen halten durfte, bitte ich Sie, mir dies vertraulich mitzuteilen.
Jetzt bleibt mir noch, Ihnen allen ein segensreiches, heilsames Traum- und sonstiges Leben zu wünschen, und jede Menge Freude an beiden.
© 2003 Michael Masters
created by Traumzeit Rubrik: Ignaz Jezower 777 Träume Datum: 8. April, 09:26 Uhr
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?en zu Jezower
Ich weiss nicht ob hier die richtige Stelle ist, solche Fragen zu stellen aber ich tue es trotzdem da ich nicht weiss wie ich sonst mit dem Autor in Kontakt kommen soll.
Wo genau haben Sie Ihre Infos über Jezower gefunden? Ich schreibe grade meine Doktorarbeit über die Träume Rudolf Leonhards und möchte gerne ein bisschen mehr über seiner Beziehung zu Jezower (und die Geschichte Jezowers überhaupt!) herausfinden. Falls Sie mir irgendwelche Hinweise geben können, wäre ich Ihnen sehr dankbar!
mit freundlichen Grüße
Kristin