Tragikgrotesken der Nacht
Rezension zu
Tragikgrotesken der Nacht: Träume von Wieland Herzfelde
Liebe Leser,
als ich in jungen Jahren mit der Traumarbeit begann, hörte ein alter Mann in meiner Straße von meinem Interesse für Träume. Wir unterhielten uns und er erzählte mir von einem schmalen Büchlein, das er 1935 - schon damals antiquarisch - erstanden hatte und das ihm - wie er sich ausdrückte - "über die schlimme Nazi-Zeit" hinweg half. Immer wieder fand er Trost in diesem phantastischen Büchlein. Kurze Zeit später tauchte mitten in der Nacht der weißhaarige, verschmitzte Alte wieder bei mir auf und schenkte mir das alte Buch, da er bald diese Welt verlassen müsse und keiner seiner Kinder und Enkel sich für solche Art Literatur interessiere. Ich sah ihn nie wieder. Bald darauf suchte ich ihn, um mich für das schöne Buch zu bedanken - ich war in der Nacht etwas unhöflich gewesen - aber der Alte war wie vom Erdboden verschluckt. Ich erkundigte mich in der Straße nach ihm, aber niemand schien ihn zu kennen außer mir.
Das Vermächtnis des alten Mannes wurde eines der kostbarsten Bücher in meinem Besitz. Heute aber will ich es an Sie weitergeben, werte Leser. Wenn Sie diese Rezension ganz durchgelesen haben, werden Sie - für wenige Pfennige Telefongebühr - ein Buch besitzen, wie es in der langen Geschichte, in der Menschen Träume haben, einmalig ist.
Das Büchlein, von dem ich rede, stammt aus der Feder eines Mannes, der Wieland Herzfelde hieß. Es erschien im Mai 1920 in Berlin, das damals nach schwerem Krieg und Revolution in den Frühlings-Rausch der Wilden Zwanziger Jahre eintrat. - Wie kann ich bloß auf angemessene Weise den Inhalt dieses kostbaren Büchleins beschreiben? Nun, ich will es versuchen.
Es handelt sich um Träume. Auf 88 schmalen Seiten beschreibt der Autor in einer wunderschönen Sprache achtzehn Träume, die er in der Zeit um den ersten Weltkrieg hatte. Den ersten Traum des Büchleins - "Die Löwengrube" - träumte der Autor 1905 im Alter von neun Jahren. Die restlichen Träume stammen aus den Jahren 1913 bis 1919. Es sind teilweise sehr lange Träume von bis zu neun Seiten. Die Träume haben eine solch phantastische Schönheit und emotionale Kraft, das man lange nach Ähnlichem suchen muss. Dabei sind es echte Nachtträume, die Wieland eindeutig im Schlaf empfangen hat und mit nur minimaler dichterischer Freiheit ausschmückt. Wie er die Träume beschreibt, ist allerdings meisterhaft - sein Deutsch ist so tief und schön und reich und dabei so klar und menschlich, wie man es heute leider allzu selten mehr findet.
Es mag auch an den Träumen selber liegen, die von hoher Dramatik gekennzeichnet sind. Der Wechsel von den absurdesten Abenteuern zu unverschämtem Traumhumor und dann wieder zu so tiefempfundener Menschlichkeit ist oftmals atemberaubend, aber immer passend. Man wird gepackt und mitgerissen, fiebert mit dem Helden, der Atem stockt einem zwischen Schrecken und Staunen, und Tränen des Schmerzes, des Lachens und zuletzt der tiefen Rührung über die einfache, menschliche Lösung (die Traum-Lysis) mischen sich auf eine eigentümliche Weise. Wieland gelingt es mit seinem präzisen Stil, auch die kleinsten Details und Gefühle des Traums mit herrlichem Sprachreichtum zu beschreiben.
Das ganze Buch ist auch ein einmaliges Zeitdokument. Die Stimmung dieser wanhwitzigen Zeit zwischen der autoritär-nationalen Kaiserzeit, den Schrecken des Großen Krieges (wie der Erste Weltkrieg bis 1940 genannt wurde), der halbherzigen Revolution von 1918, dem glühenden Hoffen auf eine gerechtere und menschlichere Zeit im Kommunismus, und dem Aufkeimen der wilden Zwanziger Jahre in der Metropole Berlin spiegelt sich in den Träumen dieses sensiblen Künstlers Herzfelde aufs Genaueste wider. Der bekannte Maler George Grosz hat es verstanden, in zahlreichen Illustrationen zum Buch Stimmung und Details der Träume einzufangen. Die Zeichnungen sind sehr zart und einfühlsam für Grosz, der ja durch seine krassen Darstellungen von Militärs, Huren, Kriegsgewinnlern, Kapitalisten und Kriegskrüppeln bekannt ist.
Ich will einmal die achtzehn Traumtitel nennen und danach eine kleine Leseprobe vorstellen, da meine sprachlichen Mittel doch nicht ausreichen, die Stimmung der Träume zu beschreiben. Genannt habe ich schon den ersten Traum, "Die Löwengrube", in dem der neunjährige Junge von klugen, kleinen Löwen geführt und belehrt wird. Geführt durch die absurde wilhelminische Welt der strengen Schulhöfe und des nationalen Wahns, ein immer wiederkehrendes Thema in den Träumen, mit immer wieder erstaunlichen Wendungen.
Die anderen Traumtitel sind: Die Cholera, Leichtathletik, Der Mord bei Klarenthal, Das Begräbnis Alfred Lichtensteins, Nationalhymne, Versteigerung , Der Deserteur, Tortentraum, Auf der Totenbahre, Der Grislybär, Die Schlüsselblume, Zinnoberrote Larven, Der Granattrichter, Stellungskrieg in Bayern, Die Sowjetwolke, Treibjagd, Strenge aus Leipzig. Ich will einmal den Traum "Versteigerung" aus dem zweiten Kriegsjahr 1915 als Leseprobe einfügen, da er mit zwei Seiten einer der kürzesten, dessen ungeachtet aber nicht minder interessanten ist. Andere Träume in dem Buch sind allerdings wesentlich dramatischer.

Wer war nun der Mann, der dieses wunderschöne kleine Büchlein schrieb? Wieland Herzfeld wird am 11. April 1896 in dem kleinen schweizerischen Ort Weggis geboren. Benannt wird er nach dem sinnesfrohen deutschen Dichter der Aufklärung, Christoph Martin Wieland. Sein Vater, der Berliner Schriftsteller Franz Herzfeld - der wegen seines jüdischen Namens seine Bücher unter dem Künstlernamen Franz Held verfasste - übersiedelt kurz vor der Geburt des Knaben in die Schweiz. Die Eltern sterben früh, beide im gleichen Jahr. Mit seinem vier Jahre älteren Bruder Helmut zieht der kleine Wieland wieder nach Deutschland, zu Verwandten ins Hessische. Der Bruder macht dort eine Lehre als Buchhändler, studiert dann in München Kunstgewerbe und arbeitet als Graphiker in Mannheim. Wieland macht sein Abitur mit siebzehn und zieht nach Berlin, um dort Germanistik und Medizin zu studieren. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 meldet sich der achtzehnjährige Medizinstudent freiwillig zum Dienst als Sanitäter. Die erste Euphorie ist in dem Wahnsinn und den Schrecken des Krieges schnell verflogen. Wieland gelingt es, mitten im Krieg vom Militärdienst entlassen zu werden. 1916 gibt er die gegen den Krieg gerichtete Zeitschrift "Neue Jugend" heraus, die wenige Wochen später verboten wird. Mitherausgeber ist sein Bruder Helmut. Beide Brüder treiben die Spielerei mit ihrem Namen, die der Vater begonnen, weiter. Wieland hängt seinem Namen Herzfeld ein "e" an, Bruder Helmut nennt sich von nun an John Heartfield und wird unter diesem Namen als Künstler weltbekannt.
1917 wird Wieland wieder abgeholt und zwangsweise zum Kriegsdienst eingezogen. Er desertiert von der Front und wird daraufhin unehrenhaft aus der Armee entlassen. Gemeinsam mit seinem Bruder und dem engen Freund George Grosz gründet er im gleichen Jahr den Malik-Verlag. Dieser Verlag wurde in der Weimarer Republik einer der bedeutendsten linken Verlage, der die sozialkritischen Werke Upton Sinclairs, Maxim Gorkis, Tolstois, Tucholskys und Egon Erwin Kischs verlegte, aber auch bekannt wurde durch seine freien sexualpolitischen Bücher und Kampagnen. Die Nazis hassen den Verlag und den Verleger Wieland sowie wie dessen Mitstreiter John Heartfield und George Grosz zutiefst.
In der Anfangszeit stehen der Verlag und die Namen der drei Freunde aber wie keine anderen für das Erwachen des Dadaismus. Diese neue Kunstrichtung breitet sich im letzten Kriegsjahr wie ein Lauffeuer in Europa aus und provoziert die Bürger mit ihrer verrückten Unsinnigkeit, die den Un-Sinn des modernen Lebens, des Nationalismus und des wahnsinnigen Krieges spiegelt.
Am Gründungstag der KPD, Silvester 1918, treten die drei Freunde zusammen in die neue Partei ein. George Grosz und das Brüderpaar Heartfield/Herzfelde werden in den 20er Jahren vor allem durch ihre künstlerisch immer anspruchsvolle Agitation für den Kommunismus bekannt. Grosz, Heartfield und Herzfelde arbeiten auch satirisch, unter anderem eng mit Kurt Tucholsky, bleiben ihren kommunistischen Idealen aber immer treu, obwohl sie von ihrer Herkunft durchaus auch bildungsbürgerlich zu nennen sind. Bezeichnend ist die Widmung in den "Tragigrotesken der Nacht": "TOM HEARTFIELD [dem kleinen Neffen] gewidmet mit dem Wunsche er möge ein aufrechter Kommunist werden". Seinen eigenen Sohn nannte Wieland nach dem Freund, George. Die Brüder waren auch eng mit vielen anderen Geistesgrößen der Weimarer Zeit befreundet, wie Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin, Oskar Maria Graf und Heinrich und Thomas Mann, einem weiteren Brüderpaar.
Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 leitet Herzfelde den Verlag weiter von Prag aus, flüchtet 1938 über London in die USA und kehrt 1949 in sein Heimatland zurück, an dessen Kultur er zutiefst glaubt. Er wird Professor für Literatur in Leipzig in der neuen DDR, arbeitet aber auch - immer noch mit seinem Bruder John - als Bühnenbildner. 1986 wird er anlässlich seines neunzigsten Geburtstages zum Ehrenbürger von Ost-Berlin ernannt und stirbt im November 1988, ein knappes Jahr vor der Maueröffnung.
Soweit zur Biographie des Mannes, der dieses herzerwärmende kleine Büchlein geschrieben hat. Die erstaunliche Mischung aus glühendem Glauben an den Kommunismus, künstlerischer Anarchie des Dadaismus, cleverer Verlagstätigkeit, und der tiefen und sprachlich wunderschönen Innerlichkeit der "Tragigrotesken" kann man nur durch die Zeitumstände und die Zugehörigkeit der Brüder zur künstlerischen Avantgarde verstehen.
Nun aber, werter Leser, hochgeschätzte Leserin, kommt das Bonbon, von dem ich zu Anfang sprach. Durch eine enge Freundschaft zum Zeugwart der Bibliothek der Universität von Iowa - einem profunden Kenner der deutschen Literatur des Dadaismus - ist es mir möglich, Ihnen an dieser Stelle vollkommen kostenfrei das besprochene Büchlein über Internet zur Verfügung zu stellen. In der Online-Bücherei der University of Iowa, Stichwort "Dada", wurde für Sie das ganze Buch in herrlicher Qualität eingescannt und ist dort zu lesen, zu betrachten und sogar downzuloaden (welch aberwitziges Wort). Das alles wegen eines Buches, für dessen Originalausgabe Sie im Buch-Antiquariat stolze Preise von mehreren hundert Euro zahlen müssten. Wenn Sie es überhaupt bekommen würden. Für alle, die dieses Kleinod von Büchlein dennoch in eigenen Händen halten wollen, sei noch verraten, dass von 1972 bis 1985 mehrere in chemischem Faksimile-Verfahren hergestellte Reprint-Auflagen der Originalausgabe im Ostberliner Aufbau-Verlag herausgegeben wurden. Diese sorgfältig edierten Reprint-Ausgaben wurden in der lesewütigen DDR gerne gekauft und stehen nach dem Fall der Mauer auch reichlich in westdeutschen und Berliner Antiquariaten. Dort - oder über das Zentrale Verzeichnis der deutschen Buchantiquariate unter ZVAB - ist diese Reprint-Ausgabe schon für erschwingliche zehn bis zwölf Euro zu haben, wenn einem kein anderer Leser zuvor kommt.
Nun aber endlich zu dem versprochenen Link auf die Seite meines hochgeschätzten Freundes von der Bibliothek der Universität von Iowa:
Tragikgrotesken der Nacht.
So, meine allerliebsten Leser, die bis hierher durchgehalten haben - nun muss ich Sie wieder verlassen, verbleibe aber mit herzlichen Grüßen und dem Versprechen in ihrer geschätzten Erinnerung, Ihnen alsbald neue alte und fast schon vergessene Perlen der Traumliteratur vorzustellen. Darunter befindet sich das Werk von Ignaz Jezower, Das Buch der Träume, erschienen 1928 im Rowohlt Verlag, in dem 777 Träume aus allen Zeiten festgehalten sind. Doch ich will nicht zu viel verraten. Ferner werde ich das "Traumtagebuch" von Jack Kerouac vorstellen, dem großen Literaten der Beatnik-Generation, und ein Buch des gelehrten Grafen Ottokar von Wittgenstein über "Märchen, Träume, Schicksale".
Jedes Buch ist einer Jahreszeit gewidmet: die Traumbüchlein der Walter-Reihe waren ideal für einen nebligen Herbsttag, Jezowers Werk sollte an einem klaren Wintertag gelesen werden, Wittgensteins Buch passt mit seiner Sexualsymbolik gut für den Frühling, und Jack Kerouacs Buch ist einem heißen und schwülen Sommertag gewidmet. Nur bei den "Traumgrotesken" war ich mir nicht sicher. Passt das Buch besser zu einem knackkalten Weihnachtstag oder zu der Stimmung, wenn nach langem Winter endlich der Frühlings-Tau das Eis zum Schmelzen und das Land zum Blühen bringt? Entscheiden Sie selbst.
Aber immer eins nach dem anderen.
Bleiben Sie gesund und lebensfroh,
Ihr Michael Masters
© 2003 Michael Masters
Tragikgrotesken der Nacht: Träume von Wieland Herzfelde
Liebe Leser,
als ich in jungen Jahren mit der Traumarbeit begann, hörte ein alter Mann in meiner Straße von meinem Interesse für Träume. Wir unterhielten uns und er erzählte mir von einem schmalen Büchlein, das er 1935 - schon damals antiquarisch - erstanden hatte und das ihm - wie er sich ausdrückte - "über die schlimme Nazi-Zeit" hinweg half. Immer wieder fand er Trost in diesem phantastischen Büchlein. Kurze Zeit später tauchte mitten in der Nacht der weißhaarige, verschmitzte Alte wieder bei mir auf und schenkte mir das alte Buch, da er bald diese Welt verlassen müsse und keiner seiner Kinder und Enkel sich für solche Art Literatur interessiere. Ich sah ihn nie wieder. Bald darauf suchte ich ihn, um mich für das schöne Buch zu bedanken - ich war in der Nacht etwas unhöflich gewesen - aber der Alte war wie vom Erdboden verschluckt. Ich erkundigte mich in der Straße nach ihm, aber niemand schien ihn zu kennen außer mir.
Das Vermächtnis des alten Mannes wurde eines der kostbarsten Bücher in meinem Besitz. Heute aber will ich es an Sie weitergeben, werte Leser. Wenn Sie diese Rezension ganz durchgelesen haben, werden Sie - für wenige Pfennige Telefongebühr - ein Buch besitzen, wie es in der langen Geschichte, in der Menschen Träume haben, einmalig ist.
Das Büchlein, von dem ich rede, stammt aus der Feder eines Mannes, der Wieland Herzfelde hieß. Es erschien im Mai 1920 in Berlin, das damals nach schwerem Krieg und Revolution in den Frühlings-Rausch der Wilden Zwanziger Jahre eintrat. - Wie kann ich bloß auf angemessene Weise den Inhalt dieses kostbaren Büchleins beschreiben? Nun, ich will es versuchen.
Es handelt sich um Träume. Auf 88 schmalen Seiten beschreibt der Autor in einer wunderschönen Sprache achtzehn Träume, die er in der Zeit um den ersten Weltkrieg hatte. Den ersten Traum des Büchleins - "Die Löwengrube" - träumte der Autor 1905 im Alter von neun Jahren. Die restlichen Träume stammen aus den Jahren 1913 bis 1919. Es sind teilweise sehr lange Träume von bis zu neun Seiten. Die Träume haben eine solch phantastische Schönheit und emotionale Kraft, das man lange nach Ähnlichem suchen muss. Dabei sind es echte Nachtträume, die Wieland eindeutig im Schlaf empfangen hat und mit nur minimaler dichterischer Freiheit ausschmückt. Wie er die Träume beschreibt, ist allerdings meisterhaft - sein Deutsch ist so tief und schön und reich und dabei so klar und menschlich, wie man es heute leider allzu selten mehr findet.
Es mag auch an den Träumen selber liegen, die von hoher Dramatik gekennzeichnet sind. Der Wechsel von den absurdesten Abenteuern zu unverschämtem Traumhumor und dann wieder zu so tiefempfundener Menschlichkeit ist oftmals atemberaubend, aber immer passend. Man wird gepackt und mitgerissen, fiebert mit dem Helden, der Atem stockt einem zwischen Schrecken und Staunen, und Tränen des Schmerzes, des Lachens und zuletzt der tiefen Rührung über die einfache, menschliche Lösung (die Traum-Lysis) mischen sich auf eine eigentümliche Weise. Wieland gelingt es mit seinem präzisen Stil, auch die kleinsten Details und Gefühle des Traums mit herrlichem Sprachreichtum zu beschreiben.
Das ganze Buch ist auch ein einmaliges Zeitdokument. Die Stimmung dieser wanhwitzigen Zeit zwischen der autoritär-nationalen Kaiserzeit, den Schrecken des Großen Krieges (wie der Erste Weltkrieg bis 1940 genannt wurde), der halbherzigen Revolution von 1918, dem glühenden Hoffen auf eine gerechtere und menschlichere Zeit im Kommunismus, und dem Aufkeimen der wilden Zwanziger Jahre in der Metropole Berlin spiegelt sich in den Träumen dieses sensiblen Künstlers Herzfelde aufs Genaueste wider. Der bekannte Maler George Grosz hat es verstanden, in zahlreichen Illustrationen zum Buch Stimmung und Details der Träume einzufangen. Die Zeichnungen sind sehr zart und einfühlsam für Grosz, der ja durch seine krassen Darstellungen von Militärs, Huren, Kriegsgewinnlern, Kapitalisten und Kriegskrüppeln bekannt ist.
Ich will einmal die achtzehn Traumtitel nennen und danach eine kleine Leseprobe vorstellen, da meine sprachlichen Mittel doch nicht ausreichen, die Stimmung der Träume zu beschreiben. Genannt habe ich schon den ersten Traum, "Die Löwengrube", in dem der neunjährige Junge von klugen, kleinen Löwen geführt und belehrt wird. Geführt durch die absurde wilhelminische Welt der strengen Schulhöfe und des nationalen Wahns, ein immer wiederkehrendes Thema in den Träumen, mit immer wieder erstaunlichen Wendungen.
Die anderen Traumtitel sind: Die Cholera, Leichtathletik, Der Mord bei Klarenthal, Das Begräbnis Alfred Lichtensteins, Nationalhymne, Versteigerung , Der Deserteur, Tortentraum, Auf der Totenbahre, Der Grislybär, Die Schlüsselblume, Zinnoberrote Larven, Der Granattrichter, Stellungskrieg in Bayern, Die Sowjetwolke, Treibjagd, Strenge aus Leipzig. Ich will einmal den Traum "Versteigerung" aus dem zweiten Kriegsjahr 1915 als Leseprobe einfügen, da er mit zwei Seiten einer der kürzesten, dessen ungeachtet aber nicht minder interessanten ist. Andere Träume in dem Buch sind allerdings wesentlich dramatischer.

Wer war nun der Mann, der dieses wunderschöne kleine Büchlein schrieb? Wieland Herzfeld wird am 11. April 1896 in dem kleinen schweizerischen Ort Weggis geboren. Benannt wird er nach dem sinnesfrohen deutschen Dichter der Aufklärung, Christoph Martin Wieland. Sein Vater, der Berliner Schriftsteller Franz Herzfeld - der wegen seines jüdischen Namens seine Bücher unter dem Künstlernamen Franz Held verfasste - übersiedelt kurz vor der Geburt des Knaben in die Schweiz. Die Eltern sterben früh, beide im gleichen Jahr. Mit seinem vier Jahre älteren Bruder Helmut zieht der kleine Wieland wieder nach Deutschland, zu Verwandten ins Hessische. Der Bruder macht dort eine Lehre als Buchhändler, studiert dann in München Kunstgewerbe und arbeitet als Graphiker in Mannheim. Wieland macht sein Abitur mit siebzehn und zieht nach Berlin, um dort Germanistik und Medizin zu studieren. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 meldet sich der achtzehnjährige Medizinstudent freiwillig zum Dienst als Sanitäter. Die erste Euphorie ist in dem Wahnsinn und den Schrecken des Krieges schnell verflogen. Wieland gelingt es, mitten im Krieg vom Militärdienst entlassen zu werden. 1916 gibt er die gegen den Krieg gerichtete Zeitschrift "Neue Jugend" heraus, die wenige Wochen später verboten wird. Mitherausgeber ist sein Bruder Helmut. Beide Brüder treiben die Spielerei mit ihrem Namen, die der Vater begonnen, weiter. Wieland hängt seinem Namen Herzfeld ein "e" an, Bruder Helmut nennt sich von nun an John Heartfield und wird unter diesem Namen als Künstler weltbekannt.
1917 wird Wieland wieder abgeholt und zwangsweise zum Kriegsdienst eingezogen. Er desertiert von der Front und wird daraufhin unehrenhaft aus der Armee entlassen. Gemeinsam mit seinem Bruder und dem engen Freund George Grosz gründet er im gleichen Jahr den Malik-Verlag. Dieser Verlag wurde in der Weimarer Republik einer der bedeutendsten linken Verlage, der die sozialkritischen Werke Upton Sinclairs, Maxim Gorkis, Tolstois, Tucholskys und Egon Erwin Kischs verlegte, aber auch bekannt wurde durch seine freien sexualpolitischen Bücher und Kampagnen. Die Nazis hassen den Verlag und den Verleger Wieland sowie wie dessen Mitstreiter John Heartfield und George Grosz zutiefst.
In der Anfangszeit stehen der Verlag und die Namen der drei Freunde aber wie keine anderen für das Erwachen des Dadaismus. Diese neue Kunstrichtung breitet sich im letzten Kriegsjahr wie ein Lauffeuer in Europa aus und provoziert die Bürger mit ihrer verrückten Unsinnigkeit, die den Un-Sinn des modernen Lebens, des Nationalismus und des wahnsinnigen Krieges spiegelt.
Am Gründungstag der KPD, Silvester 1918, treten die drei Freunde zusammen in die neue Partei ein. George Grosz und das Brüderpaar Heartfield/Herzfelde werden in den 20er Jahren vor allem durch ihre künstlerisch immer anspruchsvolle Agitation für den Kommunismus bekannt. Grosz, Heartfield und Herzfelde arbeiten auch satirisch, unter anderem eng mit Kurt Tucholsky, bleiben ihren kommunistischen Idealen aber immer treu, obwohl sie von ihrer Herkunft durchaus auch bildungsbürgerlich zu nennen sind. Bezeichnend ist die Widmung in den "Tragigrotesken der Nacht": "TOM HEARTFIELD [dem kleinen Neffen] gewidmet mit dem Wunsche er möge ein aufrechter Kommunist werden". Seinen eigenen Sohn nannte Wieland nach dem Freund, George. Die Brüder waren auch eng mit vielen anderen Geistesgrößen der Weimarer Zeit befreundet, wie Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin, Oskar Maria Graf und Heinrich und Thomas Mann, einem weiteren Brüderpaar.
Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 leitet Herzfelde den Verlag weiter von Prag aus, flüchtet 1938 über London in die USA und kehrt 1949 in sein Heimatland zurück, an dessen Kultur er zutiefst glaubt. Er wird Professor für Literatur in Leipzig in der neuen DDR, arbeitet aber auch - immer noch mit seinem Bruder John - als Bühnenbildner. 1986 wird er anlässlich seines neunzigsten Geburtstages zum Ehrenbürger von Ost-Berlin ernannt und stirbt im November 1988, ein knappes Jahr vor der Maueröffnung.
Soweit zur Biographie des Mannes, der dieses herzerwärmende kleine Büchlein geschrieben hat. Die erstaunliche Mischung aus glühendem Glauben an den Kommunismus, künstlerischer Anarchie des Dadaismus, cleverer Verlagstätigkeit, und der tiefen und sprachlich wunderschönen Innerlichkeit der "Tragigrotesken" kann man nur durch die Zeitumstände und die Zugehörigkeit der Brüder zur künstlerischen Avantgarde verstehen.
Nun aber, werter Leser, hochgeschätzte Leserin, kommt das Bonbon, von dem ich zu Anfang sprach. Durch eine enge Freundschaft zum Zeugwart der Bibliothek der Universität von Iowa - einem profunden Kenner der deutschen Literatur des Dadaismus - ist es mir möglich, Ihnen an dieser Stelle vollkommen kostenfrei das besprochene Büchlein über Internet zur Verfügung zu stellen. In der Online-Bücherei der University of Iowa, Stichwort "Dada", wurde für Sie das ganze Buch in herrlicher Qualität eingescannt und ist dort zu lesen, zu betrachten und sogar downzuloaden (welch aberwitziges Wort). Das alles wegen eines Buches, für dessen Originalausgabe Sie im Buch-Antiquariat stolze Preise von mehreren hundert Euro zahlen müssten. Wenn Sie es überhaupt bekommen würden. Für alle, die dieses Kleinod von Büchlein dennoch in eigenen Händen halten wollen, sei noch verraten, dass von 1972 bis 1985 mehrere in chemischem Faksimile-Verfahren hergestellte Reprint-Auflagen der Originalausgabe im Ostberliner Aufbau-Verlag herausgegeben wurden. Diese sorgfältig edierten Reprint-Ausgaben wurden in der lesewütigen DDR gerne gekauft und stehen nach dem Fall der Mauer auch reichlich in westdeutschen und Berliner Antiquariaten. Dort - oder über das Zentrale Verzeichnis der deutschen Buchantiquariate unter ZVAB - ist diese Reprint-Ausgabe schon für erschwingliche zehn bis zwölf Euro zu haben, wenn einem kein anderer Leser zuvor kommt.
Nun aber endlich zu dem versprochenen Link auf die Seite meines hochgeschätzten Freundes von der Bibliothek der Universität von Iowa:
Tragikgrotesken der Nacht.
So, meine allerliebsten Leser, die bis hierher durchgehalten haben - nun muss ich Sie wieder verlassen, verbleibe aber mit herzlichen Grüßen und dem Versprechen in ihrer geschätzten Erinnerung, Ihnen alsbald neue alte und fast schon vergessene Perlen der Traumliteratur vorzustellen. Darunter befindet sich das Werk von Ignaz Jezower, Das Buch der Träume, erschienen 1928 im Rowohlt Verlag, in dem 777 Träume aus allen Zeiten festgehalten sind. Doch ich will nicht zu viel verraten. Ferner werde ich das "Traumtagebuch" von Jack Kerouac vorstellen, dem großen Literaten der Beatnik-Generation, und ein Buch des gelehrten Grafen Ottokar von Wittgenstein über "Märchen, Träume, Schicksale".
Jedes Buch ist einer Jahreszeit gewidmet: die Traumbüchlein der Walter-Reihe waren ideal für einen nebligen Herbsttag, Jezowers Werk sollte an einem klaren Wintertag gelesen werden, Wittgensteins Buch passt mit seiner Sexualsymbolik gut für den Frühling, und Jack Kerouacs Buch ist einem heißen und schwülen Sommertag gewidmet. Nur bei den "Traumgrotesken" war ich mir nicht sicher. Passt das Buch besser zu einem knackkalten Weihnachtstag oder zu der Stimmung, wenn nach langem Winter endlich der Frühlings-Tau das Eis zum Schmelzen und das Land zum Blühen bringt? Entscheiden Sie selbst.
Aber immer eins nach dem anderen.
Bleiben Sie gesund und lebensfroh,
Ihr Michael Masters
© 2003 Michael Masters
created by Traumzeit Rubrik: Tragikgrotesken der Nacht Datum: 7. April, 22:45 Uhr
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