Das Dritte Reich des Traums
geschrieben von Michael Masters
Liebe Leser,
heute will ich Ihnen das Büchlein einer Frau vorstellen – der Journalistin Charlotte Beradt – das sich mit Träumen aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland beschäftigt. Das Büchlein trägt den Titel „Das Dritte Reich des Traums“ und ist streng genommen keine Rarität auf dem Buchmarkt, weil es seit 1994 wieder in einer Taschenbuchausgabe des Suhrkamp Verlages erhältlich ist. Die Originalausgabe des Buches erschien 1966 fast unbeachtet im Nymphenburger Verlag und basierte auf einer Radiosendung, die die Autorin Anfang der Sechziger für den Westdeutschen Rundfunk produziert hatte – „Träume vom Terror“. Die hörte der Lektor des Nymphenburger Verlags und so entstand dieses Büchlein.
Die in den 112 Seiten des Büchleins enthaltenen etwa hundertzwanzig Träume und Traumfragmente haben allerdings alle schon ein halbwegs ehrwürdiges Alter: alle stammen aus der Zeit von 1933 bis 1939. Charlotte Beradt kommt das große Verdienst zu, diese Träume bei allen möglichen Menschen gesammelt zu haben, bevor sie 1939 aus Deutschland emigrierte. Bis 1933 war sie Journalistin in Berlin, dann wurde sie nicht mehr beschäftigt und begann diese Sammlung als kleine private Dokumentation über das Innenleben der Menschen in einer Diktatur. 1940 zog sie nach New York und die kleine Traumsammlung geriet fast in Vergessenheit, bis ein Bekannter einen Radio-Redakteur beim WDR darauf aufmerksam machte.
Anstoß zu der Sammlung gab der Traum eines Bekannten von Charlotte Beradt ganz zu Beginn des Dritten Reichs, eines sozialdemokratischen Fabrikbesitzers. Dieser aufrechte, selbstbewusste und fast despotische Mann, dessen Lebensinhalt sein mittelgroßer Betrieb war, war als Sozialdemokrat natürlich ein ausgesprochener Feind der Nazis. Seine Furcht, dass er sich doch anpassen müsse, wolle er überleben, bezeugt deutlich dieser Traum, geträumt am 2. Februar 1933, drei Tage nach der Machtergreifung:
Goebbels kommt in meine Fabrik. Er läßt die Belegschaft in zwei Reihen, rechts und links, antreten. Dazwischen muß ich stehen und den Arm zum Hitlergruß heben. Es kostet mich eine halbe Stunde, den Arm, millimeterweise, hochzubekommen. Goebbels sieht meinen Anstrengungen wie einem Schauspiel zu, ohne Beifalls-, ohne Mißfallensäußerung. Aber als ich den Arm endlich oben habe, sagt er fünf Worte: „Ich wünsche Ihren Gruß nicht“, dreht sich um und geht zur Tür. So stehe ich in meinem eigenen Betrieb, zwischen meinen eigenen Leuten, am Pranger, mit gehobenem Arm. Ich bin körperlich dazu nur imstande, indem ich meine Augen auf seinen Klumpfuß hefte, während er hinaushinkt. Bis ich aufwache, stehe ich so.
Nachdem die Autorin diesen Traum gehört hatte, beschloss sie, dass solche Träume nicht verloren gehen sollten und hörte sich bei Bekannten nach weiteren Träumen um, in denen das neue Regime eine Rolle spielte. Sie fragte „Schneiderin, Nachbar, Tante, Milchmann, Freund“, ohne ihre Sammeltätigkeit zu verraten. Viele waren ängstlich zu erzählen, was sie sich träumen lassen hatten, oft aber öffnete jenen Zögernden Charlotte Beradts Modelltraum, der Traum des Fabrikbesitzers, den Mund. Die meisten Befragten waren eher Gegner des Regimes, aber auch viele Unpolitische waren dabei. Einige Freunde halfen bei dem Projekt, fragten und notierten. Ein befreundeter Arzt etwa befragte unauffällig seinen weiten Kreis von Patienten. So kamen schließlich Träume von über dreihundert Personen zusammen.
Charlotte Beradt schrieb die Träume codiert auf – aus Hitler wurde ‚Onkel Hans’, Göring und Goebbels hießen ‚Gustav’ und ‚Gerhard’ – und schmuggelte sie als Briefe getarnt an Bekannte im Ausland. In New York angekommen, veröffentlichte sie eine kleine Auswahl der Träume unter dem Titel „Dreams under Dictatorship – Träume unter Diktatur“ in einer zweisprachigen Exilzeitschrift.
Zu Beginn des Buches stehen Träume im Mittelpunkt, die die „Orwellsche Welt“ der Nazidiktatur wiederspiegeln. Besonders interessant sind die vielen Träume von verräterischen Gegenständen, die ganz verschiedene Leute geträumt hatten. So wird bei einer Hausfrau in mittleren Jahren der Kachelofen im Wohnzimmer zum Medium des Terrors: Ein SA-Mann steht vor dem großen altmodischen blauen Kachelofen in der Ecke unseres Wohnzimmers, vor dem wir abends immer im Gespräch sitzen, macht die Ofentür auf, und der Ofen fängt mit schnarrender, durchdringender Stimme zu an reden [hier ist wieder die durchdringende Stimme, die Remineszenz an die Lautsprecherstimme des Tages]: jeden Satz, den wir gegen die Regierung gesagt, jeden Witz, den wir erzählt haben. Gott, was wird da noch kommen, denke ich, all meine Sätzchen gegen Goebbels, aber im selben Moment wird mir klar, daß es auf einen Satz mehr oder weniger nicht ankommt, daß einfach alles, was wir je im vertrauten Kreise gedacht und gesagt haben, bekannt ist.
Ein Gemüsehändler träumt von einem Kissen – von der Mutter mit Kreuzstich bestickt – mit dem er im Wachleben abends aus Angst vor Abhörgeräten vorsorglich das Telefon abdeckt, wenn die Familie unter sich ist. Im Traum wird das Kissen zum Verräter und zeugt gegen ihn. Vom Schimpfen über die hohen Gemüsepreise bis zum Lästern über den dicken Göring gibt das Kissen unaufhörlich alle kritischen Äußerungen der Familie wider. Ähnliche Träume über verräterische Gegenstände im eigenen Heim hat die Autorin über Spiegel, Schreibtische, Uhren und Ostereier gesammelt. Die Angst vor der modernen Abhörtechnik trieb seltsame Blüten.
Ein junges Mädchen träumt von den zwei Engelchen, die real über ihrem Bett hängen, die sie im Traum aber so scharf beobachten, dass sie vor Angst unter das Bett kriecht.
Eine Bibliographin, 25 Jahre alt, träumt, wie sie eine Bekannte namens ‚Klein’ besuchen will und wegen der Adresse in einer Telefonzelle nachschlägt, allerdings vorsichtshalber unter dem Namen ‚Groß’, was ihr erst nach dem Traum als sinnlos auffiel. Ähnlich ergeht es einem Mann, der im Traum einen verbotenen Witz erzählt, ihn aber aus Vorsicht falsch erzählt, so dass er keinen Sinn mehr hatte.
Der präziseste Traum dieser Art wurde von einer Putzmacherin schon im Sommer 1933 geträumt: Ich träume, daß ich im Traum vorsichtshalber Russisch spreche (das ich gar nicht kann, außerdem spreche ich nicht im Schlaf), damit ich mich selbst nicht verstehe und damit mich niemand versteht, falls ich etwas vom Staat sage, denn das ist doch verboten und muß gemeldet werden.
Einem jungen Mann zur gleichen Zeit träumte, dass er nur noch von Rechtecken, Dreiecken, Achtecken träume, weil es doch jetzt verboten sei zu träumen.
Besonders faszinierend fand ich die nächste Typologie: Träume von Menschen, die sich fürchteten, vom germanischen Rasse-Ideal der Nazis zu sehr abzuweichen, Träume von „Dunkelhaarigen im Reich der Blonden“, zu dem sie so gern dazu gehören würden. Eine sehr hübsche, aber dunkelhaarige 19jährige träumt: Ich bin bei einer Sportvorführung. Unter den Zuschauern bilden sich zwei Parteien, die eine blaublond, die andere besteht aus Dunklen, das sind Ausländer. Die Gruppen kommen ins Schimpfen, Puffen, Schlagen. Die Dunklen marschieren geschlossen ab. Ich marschiere etwas getrennt von ihnen, aber doch im Marschschritt [das Mitmarschieren ist geschafft] und denke dabei: Finde ich doch die Leute so scheußlich – aber wenn's drauf ankommt, stelle ich mich unter ihren Schutz wie unter einen Regenschirm. Ich bin eben zwischen zwei Stühlen, gehöre nirgends hin.
Eine andere Jugendliche, die von Kind auf zu hören gewöhnt war, sie habe rabenschwarze Haare, hatte folgende drei Träume:
Sonntags im Tiergarten. Blonde Spaziergänger auf allen Wegen. Ich höre jemand zu seinem Begleiter sagen: „Emma kommt mit ihren Mietern nicht aus, sie stehlen wie die – “, hier fühle ich mit tiefster Scham, er wird sagen, wie die Rabenschwarzen, da sagt er es schon.
Fritz, schwarze Haare, schwarze Augen, haut sich mit einem Blonden. Obwohl ich weiß, es ist Blödsinn, er muß verlieren, obwohl ich weiß, daß er mir leid tut, sehe ich mit Freude und Genuß zu. Er hat es wenigstens versucht, die Schwarzen zu verteidigen. Zum Schluß ist er tot. Dies träume ich oft mit kleinen Veränderungen.
Ein blondes Mädchen, halbes Kind, spricht mich auf der Straße an, ob ich mit ihr abends ausgehen wolle. Ich blicke den netten Backfisch wortlos und durchbohrend an: Ist sie vielleicht gefärbt? Hat sie denn kein rassisches Empfinden? Was will sie wirklich, welchen Zweck verfolgt sie, welchen Hintergedanken hat sie dabei, wenn sie eine Schwarze anredet? Die Blonde antwortet, ohne daß ich frage: „Man wird doch jemanden einladen dürfen, nur weil er einem gefällt.“
Ein anderes, sehr brünettes Mädchen hat in der Schule im Rasselehre-Unterricht gelernt, dass die Blonden der germanischen Rasse, die süddeutsch-dunkelhaarigen aber der „dinarischen“ Rasse angehören. Sie träumt: Stufenweise wird uns Dinarischen von den Blonden alles verboten. Erst dürfen wir nicht mehr mit ihnen sitzen. Dann nicht mehr in den Pausen mit ihnen rausgehen. Das Schlimmste, daß es nicht von oben, von den Lehrern ausgeht, sondern von den blonden Mitschülern, manche tragen Abzeichen ‚nicht-dinarisch’. Schließlich, als wir im Gefühl des Verlassenseins in der Pause zusammenhocken und kochen, Reis und Kompott auf einem Spirituskocher, denn essen gehen darf man auch nicht, verbreiten die Reinemachefrauen, die sich besser benehmen als unsere Mitschüler, ein Gerücht: man erwartet das Schlimmste, ohne es direkt beim Namen zu nennen, offenbar, daß die Blonden uns abmurksen wollen. Nach dem Gerücht erscheint eine offizielle Liste mit den Namen aller Angehörigen der ‚Gruppe der Bescholtenen’ aus allen Klassen. Auch der Anlaß zu der Aktion wird in schriftlicher Form mitgeteilt: wir haben gewagt, einen Brief an die anderen, unbescholtenen Blonden zu richten wegen eines Buches, das wir ihnen geliehen hatten und zurückhaben wollten. Aber nicht darin besteht unser eigentliches Verbrechen, sondern darin, daß wir, die Dunklen, an die Blonden geschrieben haben. Anschließend wilde Flucht, ich werde mit Steinen beworfen.
Wie selbst Regimegegner sich zur Anpassung an die Verhältnisse auch noch in ihren Träumen glaubten zwingen zu müssen, ist im nächsten Abschnitt traurig beschrieben. Hierzu wieder ein paar Beispiele:
Eine Hausfrau mittleren Alters träumt 1936: Ich bin in einem kleinen Ort in der Mark – ich glaube, es war Nauen – bei guten Freunden zu Besuch. Abends ist Gesellschaft mir zu Ehren. Am nächsten Morgen, während wir am Frühstückstisch beisammensitzen, in großer Zärtlichkeit, betonter Freundschaft, und uns über den gestrigen Abend unterhalten, kommt eine Nachbarin zur Tür herein und sagt ohne Vorrede: „Gestern abend ist zu lange und zu viel Gesellschaft bei Ihnen gewesen (diesen Satz hatte mir jemand wörtlich aus der Provinz berichtet, darum träumte ich wohl das Ganze), na, wenn da noch Leute dabei waren, die nicht Heil sagen ...“ – „Das hätte nichts ausgemacht“, rufe ich dazwischen. Darauf meine Freundin: „Ganz im Gegenteil, gar nicht auszudenken wäre das.“ Nachdem die Nachbarin verschwunden ist, macht mir die Freundin riesige Vorwürfe, weiß nichts mehr davon, was sie zehn Minuten vorher an Freundschaft und Zuneigung beteuert hat, zwingt mich, sofort abzufahren, ehe man auf die Wahrheit über mich kommt. Sie setzt mich auf die Straße im Sinne des Wortes, ohne mich auch nur über Autobusverbindungen (Bahn gibt es nicht) zu unterrichten. Ich stehe hilflos an der Bushaltestelle und verstehe das Ganze nicht, begreife nicht den Übergang von einer Gesinnung zur anderen in ein paar Minuten. Als der vollbesetzte Bus endlich kommt, sage ich beim Einsteigen zu allen Insassen, die ihre Gesichter stumm auf mich richten, laut: „Heil Hitler!“
Ein anderer Regimegegner wird aus materiellen Gründen zum Mitläufer, was sich schon lange vorher im Traum ankündigt: Ich betrete einen Schusterladen. „Mein letztes Paar Schuhsohlen ist zerrissen“, sage ich. „Du weißt“, sagt der Schuster, der ein funkelnagelneues Paar Schuhe in der Hand hat, „daß neue Sohlen nur bekommen kann, wer in der SA marschiert.“ – „Ich habe davon gehört“, sage ich, „aber ich kann es nicht glauben“. – „Ich kann dich in eine Kolonne stecken“, sagt er sehr freundlich, „wo nur Leute marschieren, weil sie sonst keine Schuhsohlen haben, und beim Eintritt kriegt man gleich zwei Paar Sohlen. Und dir werde ich jetzt“, setzt er noch freundlicher hinzu, „vielleicht drei Paar geben, denn dich brauchen wir.“ Ich renne weg, aber beim Rennen fallen mir meine zerrissenen Sohlen von den Füßen.
Diesen Traum hat ein Schuster berichtet, die Autorin bekam ihn erst später - wörtlich in dieser Fabelform. Der Schuster hatte ihn erzählt bekommen von einem Kunden, als Traum seines Schwagers, und der Kunde fügte hinzu: „Es hat kein halbes Jahr gedauert, bis mein Schwager SA-Mann war.“
Ein recht beschämendes Kapitel beschreibt die erotischen Träume von Frauen, die der Verführung durch die Propaganda der Nazigrößen erlagen, selbst wenn sie eigentlich eher regimekritisch waren. Hierzu nur ein Beispiel, der Traum einer Hausfrau: Ich sehe, als ich vom Einholen komme, daß auf der Straße getanzt werden soll – wie in Frankreich am Bastilletag –, weil ein Feiertag zur Erinnerung an den Reichstagsbrand ist. Man sieht überall Freudenfeuer [welch glänzender parodistischer Regieeinfall der Träumerin] – Quadrate sind mit Seilen abgesperrt, und die Paare gehen unter den Seilen durch wie Boxer ... Ich finde das sehr häßlich. Da umfaßt mich jemand mit starken Händen von hinten und zieht mich durch ein Seil auf die Tanzfläche. Als wir zu tanzen anfangen, erkenne ich, es ist Hitler, und finde alles sehr schön.
Den Träumen von deutschen Juden in jener Zeit und jenen Menschen, die in der Terminologie der Nazis „Mischlinge“ genannt wurden, ist ein weiteres Kapitel gewidmet. Gerade jene Mischlinge litten oft sehr unter der plötzlichen Zerrissenheit, die ihnen aufgezwungen wurde. Der Traum einer 45jährigen Halbjüdin: Ich bin auf einem Schiff mit Hitler zusammen. Das erste, was ich ihm sage, ist: „Eigentlich darf ich gar nicht hier sein. Ich habe nämlich etwas jüdisches Blut.“ Er sieht sehr nett aus, gar nicht wie sonst, rundes, angenehmes, gütiges Gesicht. Ich flüstere ihm ins Ohr: „Ganz groß hättest du werden können, wenn du es so gemacht hättest wie Mussolini, ohne diese dumme Judensache. Es ist ja wahr, daß es sehr üble unter den Juden gibt, aber alle sind doch nicht Verbrecher, das kann man doch wirklich nicht behaupten.“ Hitler hört mir ruhig zu, hört sich alles ganz freundlich an. Dann plötzlich bin ich in einem anderen Raum des Schiffes, wo lauter schwarzuniformierte SS-Leute sind. Sie stoßen sich untereinander an, zeigen auf mich und sagen zueinander mit höchstem Respekt: „Seht mal, das ist die Dame, die dem Chef Bescheid gesagt hat.“ Die Frau erzählt den Traum mit großer Genugtuung ihrer ‚arischen’ Untermieterin.
Ein jüdischer Arzt träumt, er habe Hitler geheilt – der einzige im Reich, der das konnte (wie der regimekritische Augenarzt im ersten Kapitel). Als Hitler fragt, was er für die Heilung haben wolle, wehrt der Arzt ab: „Kein Geld“. Ein großer Blonder aus Hitlers Umgebung sagt daraufhin: „Was, du krummer Jud, kein Geld?“ Darauf Hitler im Befehlston: „Natürlich kein Geld. Unsere deutschen Juden sind nicht so!“
In einem letzten Kapitel werden die Träume jüdischer und nichtjüdischer Emigranten beschrieben, wie sie etwa in ihrem Aufnahmeland wieder neuen Nazis begegnen, oder wie sie ihre alte Heimat vermissen und sich wieder an neue und fremde Kulturen anpassen müssen.
Nach so vielen Zitaten will ich es – hochgeschätzte Leserin und werter Leser – nun nicht länger spannend machen, sondern es statt dessen lieber kurz und knapp formulieren: ich finde dieses Büchlein uneingeschränkt empfehlenswert. Die politische Analyse, mit der Charlotte Beradt einfühlsam die Träume kommentiert, ist fast immer knapp und zutreffend. Natürlich sind die Träume selber – ich hoffe, da werden Sie mir nach den Leseproben zustimmen – äußerst berührend und lesenswert. Für die Idee zu dieser Traumsammlung gebührt Charlotte Beradt höchster Respekt – so entstand ein ganz eigenartiges Zeitdokument, wie ich es in dieser Art noch nie entdeckt habe. Insofern gebührt dem Buch durchaus ein würdiger Platz unter den bisher besprochenen Raritäten und Kostbarkeiten der Traumliteratur.
Vielleicht noch kurz zur Person von Charlotte Beradt: die Schriftstellerin und Publizistin wurde 1901 als Charlotte Aron geboren, wuchs in Berlin auf und war die Frau des berühmten Rechtsanwalts und Dichters Martin Beradt – der aus einer jüdisch-orthodoxen Familie stammt und von dem besonders empfehlenswert das Buch „Die Straße der kleinen Ewigkeit“ ist, das die Lebenswelt einer armen jüdischen Gasse im Berlin der Vor-Hitler-Zeit schildert und in der ‚Anderen Bibliothek’ im Eichborn Verlag wiederaufgelegt wurde.
Charlotte Beradt, die mit ihrem Mann ‚in letzter Minute’ im Sommer 1939 über England nach New York flüchtete, organisierte dort das Überleben für beide – wie ihre reale Vorfahrin Rahel van Varnhagen mit einem Salon, einem Frisiersalon, der Treffpunkt der exilierten literarischen Welt wurde. Ihr Mann starb 1949 in New York, sie selbst nach einer weiteren reichen Schaffensperiode im Alter von 85 Jahren im Jahr 1986.
Charlotte Beradt wurde auch durch ihre Tätigkeit im Radio und ihre Publikationen über jüdische Marxisten bekannt. Sie arbeitete nach den „Träumen des Terrors“ weiter für den Westdeutschen Rundfunk und machte dort Sendungen über Moritz Heimann und Oskar Loerke und eine Sendung über Paul Levi. Außerdem schrieb sie über Rosa Luxemburg und Paul Levi und arbeitete als Theaterkritikerin und Rezensentin. Ihr autobiographisches Werk "Diaries" wurde von 1962–1978 gesendet.
Das Büchlein „Das Dritte Reich des Traums“ ist etwa unter folgender Webadresse beim Buchversand Sokrates zu bestellen.
So, ich hoffe, Ihnen mit meiner Rezension etwas Freude gemacht und vielleicht ein paar lehrreiche Einsichten vermittelt zu haben.
Genießen Sie das Leben
Ihr Michael Masters
created by Traumzeit Rubrik: Das Dritte Reich des Traums Datum: 6. April, 13:31 Uhr
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